ME / CFS
34. Die Invalidenversicherung
Bericht vom Inselspital
März 2023
Der Hausarzt von XYZ erhielt im August 2022 ein Gutachten vom Neurozentrum des Berner Inselspitals. Da die IV es unterlassen hat, ihren abschlägigen Vorbeischeid zu datieren, weiss ich nicht, ob das Gutachten des Inselspitals vor oder nach dem IV-Bescheid erstellt wurde. Mit der Erlaubnis von XYZ publiziere ich auch diesen Bericht.
INSELSPITAL
Neurozentrum
An Hausarzt UVW des Patienten XYZ
Bern, August 2022
Betrifft: Patient XYZ
 
Sehr geehrter Herr UVW

Wir berichten kurz über obgenannten Patienten, den wir am ... in der gemeinsamen Sprechstunde gesehen haben. Dabei ging es v.a. um die Diagnose seiner gesundheitlichen Störung.

Diagnose:   Myalgische Encephalomyelitis / chronic Fatigue Syndrom (ICD-10 G93.3)

Aufgrund der erfüllten klinischen Kriterien und der typischen Risikofaktoren kann die Symptomatik
von XYZ im Rahmen einer myalgischen Encephalomyelitis / eines chronic Fatigue Syndroms (ME/CFS) zusammengefasst werden. Diese Diagnose passt auch zur bisher verwendeten Diagnose nach DSM-V der somatischen Belastungsstörung; diese Diagnose ist rein beschreibend und benennt vor allem die körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen im Rahmen des Beschwerdebildes, unabhängig von der Ursache.

Den Hintergrund von funktionellen Störungen, zu denen auch ME/CFS gehört, bildet eine Sensi-bilisierung des zentralen und peripheren Nervensystems mit konsekutiven Dysregulationen und Reizamplifikationen, welche die vielfältige Symptomatik an den verschiedenen Organsystemen (inklusive der Psyche) erklären.

Chronische Stresseinwirkungen führen über eine Stimulation des Immunsystems zu neuro-physiologischen Veränderungen und entsprechenden Dysfunktionen. Entsprechend handelt
es sich bei ME/CFS um eine neuroimmunologische Erkrankung, welche auch Auswirkungen
auf das psychische Befinden haben kann, keinesfalls jedoch um eine psychische oder psychiatrische Erkrankung.

Eine Beurteilung der Erkrankung müsste denn auch durch entsprechende Fachspezialisten für funktionelle Störungen, d.h. durch die Psychosomatik resp. Neuropsychosomatik, erfolgen.
Auslöser der Symptomatik sind Stressbelastungen mit entsprechend überschiessender Aktivierung
des Immunsystems, wie das beim Patienten der Magenoperation mit Implantat der Fall war.

Zentrales Element der Behandlung ist - wie in den vorherigen Berichten beschrieben - das Pacing,
die Anpassung der körperlichen, mentalen und sozialen Aktivitäten an die effektiven Möglichkeiten, deren Grenzen durch die Beschwerden gesetzt werden und die nicht nur respektiert, sondern unterschritten werden sollten.

Entsprechend ist der Verlauf bei XYZ typisch, indem der forcierte Wiedereinstieg in eine berufliche Tätigkeit zu einem erneuten Rückfall mit deutlich stärkerer Symptomatik und längerer Erholungszeit geführt hat.

Demnach müssten erneute Arbeitsversuche sehr niederschwellig und über einen langen Zeitraum
mit Steigerung nicht nach vorgegebenem Plan, sondern entsprechend den effektiven Möglichkeiten erfolgen. Mit konsequentem Pacing hat XYZ bisher die besten Erfahrungen gemacht, und wir können XYZ dabei nur unterstützen.

Abzusehen ist von aktivierenden Massnahmen (wie z.B. auch aktivierende Medikamente) oder Trainingstherapien, da diese als Stressoren wirken und damit das Beschwerdebild unterhalten und verstärken.

Zur Begleitung im Rahmen des Pacings werden wir XYZ wie geplant erneut in unserer Sprechstunde sehen.


Freundliche Grüsse
Dr. med. ABC
Dr. med. DEF


Kopie an: Patient XYZ